Dr. Marina Böddeker ist professionelle Sprecherin. Sie arbeitet als freie Journalistin für Print, Hörfunk und TV. Sie leiht ihre Stimme Werbefilmen, spricht Nachrichten und moderiert Veranstaltungen. Ihr Know-how vermittelt sie als Dozentin an der Universität und in speziellen Sprechtrainings.

Dr. Böddeker erklärt im Interview, warum Sprechen gelernt sein will und welche Bedeutung die Stimme für einen Film hat.


Wie kommt man eigentlich dazu, professionelle Sprecherin zu werden?
Eigentlich gibt es da keinen klassischen Weg. Die meisten, die in diesem Bereich arbeiten, sind ausgebildete Schauspieler(innen). Da gehören Sprecherziehung und Sprechtraining mit zur Ausbildung. Und weil es viele ausgebildete Schauspieler(innen). gibt, als der Markt braucht, machen viele dann in der Zwischenzeit oder neben der Schauspielerei Sprecher-Jobs.
Ich persönlich bin keine Schauspielerin, sondern komme vom Radio. Als Radio- und später auch Fernsehjournalistin habe ich selbst diverse Sprechtrainings erhalten. Wenn man mit Medien zu tun hat, muss man häufig sprechen können. Mir hat das Sprechen und die Arbeit am Mikrofon einfach von Anfang an Spaß gemacht, deshalb habe ich es weiterverfolgt.

Wenn die Stimme das Werkzeug ist, muss man sie ja auch gut pflegen. Wie macht man das am besten?
Das Allerschlimmste für die Stimme ist, sich zu räuspern. Das ist so, als ob man mit einem Nagel über eine Schallplatte kratzt. Die Stimmbänder sind dabei die Plattenrillen, also die Tonspuren, und der Nagel ist der Druck, der durch das Räuspern erzeugt wird. Dieser Druck ist einfach viel zu groß für die Stimmbänder, deswegen sollte man das auf jeden Fall vermeiden. Ansonsten ist alles gut für die Stimme, was auch für den Körper gut ist: viel Wasser trinken, ausreichend schlafen und Singen …
Kurz gesagt, ein gutes Körperbewusstsein tut auch der Stimme gut. Und genauso umgekehrt: Was schlecht für den Körper ist, ist auch schlecht für die Stimme. Da gehören auf jeden Fall Alkohol und Rauchen.

Du bist mittlerweile selbst als Sprechtrainerin tätig. Wie unterscheidet sich das professionelle Sprechen von der Art und Weise, wie man sich im Alltag unterhält?
Beim professionellen Sprechen ist die Sprechhaltung eine andere. Bei einer alltäglichen Unterhaltung achte ich zum Beispiel gar nicht darauf, ob meine Endungen deutlich gesprochen sind oder ob ich meine Stimme einsetze, um einen bestimmten Effekt zu erreichen. Wenn ich aber am Mikrofon spreche, bin ich konzentrierter und fokussierter. Man steht dann auch gerader und legt viel mehr Bedeutung in den Text, den man liest. Ein Märchen zum Beispiel lese und spreche ich ganz anders als eine Radionachricht.
Es ist ja letztendlich so, dass die Stimme ganz viel über die Persönlichkeit erzählt. Beim professionellen Sprechen achtet man also sehr darauf, wie man spricht. So arbeitet man mit seiner Stimme und nimmt je nach Text ganz bewusst eine andere Sprechhaltung ein. Das unterscheidet sich bei mir dann teilweise so stark von meiner normalen Art zu sprechen, dass selbst meine Mama sagt: Ich erkenne mein eigenes Kind nicht.

Wie würde sich denn zum Beispiel die Sprechhaltung bei einer Nachricht von der Vertonung eines Imagefilms unterscheiden?
Eine Nachricht ist ja in aller Regel sachlich, also wäre die Haltung eher eine distanzierte und die Art zu sprechen neutral und nüchtern, ohne Emotion. Hier geht es vordergründig um die Information. Bei einem Imagefilm geht es natürlich auch um Information, aber eben auch darum, dass man ein Gefühl vermittelt. Wenn ich einen Imagefilm vertone, versuche ich also immer, die Stimmung, die der Film durch Bilder und Musik transportieren will, mit meiner Stimme zu unterstützen.

Und wodurch schafft man es, mit ein und derselben Stimme verschiedene Emotionen hervorzurufen?
Dafür gibt es Mittel wie Betonung, Geschwindigkeit und Lautstärke. Je langsamer man zum Beispiel spricht, desto bedeutender und tragender wirkt es  –  das kann manchmal aber auch ein bisschen zu langweilig rüberkommen. Wenn mich ein junges Unternehmen, das sich dynamisch präsentieren möchte, als Sprecherin beauftragt, dann muss ich genau das auch mit meiner Stimme umsetzen, also etwas höher sprechen und mit mehr Dynamik. Im Grunde übernehme ich die Eigenschaften des Unternehmens 1:1 in meine Art zu sprechen.

Macht es einen Unterschied, ob die Stimme männlich oder weiblich ist? Wirken Männer- und Frauenstimmen anders?
Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die sagen, dass Männerstimmen beim Hören bevorzugt werden. Ich glaube aber, das ist Quatsch. Es kommt ganz darauf an, wie gesprochen und die Stimme dann wahrgenommen wird. Und da kann eine weibliche Stimme genauso angenehm klingen wie eine männliche  –  und umgekehrt natürlich. Ich meine, auch Musik wird oft ganz unterschiedlich wahrgenommen, was letztlich ja auch immer eine Frage des Geschmacks ist. Hauptsache, es nervt nicht. Und dafür sind beim Sprechen klare Ausspracheregeln wichtig, wie zum Beispiel, dass man keinen Sprechfehler hat, nuschelt oder alles überbetont. Es gibt auch Stimmlippenerkrankungen, die dazu führen, dass die Stimme einfach krank klingt. Das alles möchte man natürlich nicht gern hören. Das Schlimme daran ist aber eigentlich, dass die Zuhörer inhaltlich nicht mehr folgen, weil die Art zu sprechen so sehr ablenkt.

Was sind die grundlegenden Dinge, die man beachten muss, um deutlich zu sprechen?
Am Mikrofon spricht man die Vokale ganz deutlich. Das heißt, beim A ist der Mund weit geöffnet. Und beim E sind die Mundwinkel breit auseinandergezogen. Das sieht dann auch meistens total albern aus, wenn man spricht.
Was noch so eine Lieblingsregel von mir ist: die Endung „ig“. Bei „König“ oder „richtig“ zum Beispiel, da könnte man ja annehmen, dass es „Könik“ oder „richtik“ ausgesprochen wird. Das ist aber gar nicht so. Viele denken, wir sind hier so schludrige Ostwestfalen und sprechen das nicht richtig aus. Dabei ist es tatsächlich so, dass „ig“ im Hochdeutschen korrekt „ich“ ausgesprochen wird.

Wenn du einen Film vertonst, kriegst du ja erst mal einen Off-Text vorgelegt. Wie muss so ein Text geschrieben sein, damit man ihn gut sprechen kann?
Das Schreiben fürs Hören ist ein anderes als fürs Lesen. Denn die Sätze sind unterschiedlich aufgebaut. Oft ist es so, dass ich den Text erst mal überarbeite und auf meine persönliche Spreche umschreibe oder zumindest Vorschläge mache. Die wichtigsten Regeln sind zum Beispiel, dass das Verb nach vorne muss. Dann sollten es kurze Sätze sein mit nur einer Aussage pro Satz. Bei zwei Satzteilen, zum Beispiel durch ein Komma getrennt, gehen auch zwei Aussagen. Aber in der Regel gilt: eine Information pro Satz, die dann auch betont wird.

Wie würde deiner Meinung nach ein Film mit einem/einer ungeübten Sprecher(in) auf Zuschauende wirken?
Der Film würde nicht professionell rüberkommen und genauso auch wahrgenommen werden. Mit einem Kameramann, der keine aussagekräftigen Bilder einfängt, stehen die Chancen schlecht, das Produkt gut zu verkaufen. Beim Tonassistenten das Gleiche. Ein Film ist abhängig von allen Gewerken, das ist einfach Teamarbeit. Wenn ein Bereich nicht funktioniert, dann wirkt sich das auf den gesamten Film aus – so auch das Sprechen.
Hinzu kommt, dass man auch nicht einfach so am Mikrofon sprechen kann. Das ist wie ein Muskel, den man jahrelang trainieren muss. Auch ich mache zum Beispiel immer wieder Übungen und nehme zusätzlich Gesangsunterricht, weil das die Stimme und die Atmung schult. Den Unterschied zu einem/einer ungeübten Sprecher(in)  –  würde ich also sagen  –  hört man ganz deutlich. Das bestätigt eigentlich auch meine Arbeit an der Uni. Oft merken Studierende erst, wie schwierig das Sprechen eigentlich ist und wie viel Training dahintersteckt, wenn sie zum ersten Mal selbst in der Sprecherkabine stehen und ihre eigene Stimme hören. Eine professionelle, gut trainierte Stimme ist unerlässlich für die Vertonung eines Films oder jedes anderen Mediums, der/das wirkungsvoll sein soll.