Ewa Braetz arbeitet seit über 15 Jahren als selbstständige Stylistin und Visagistin. Sie mag die intensive Arbeit mit Menschen und ist deswegen auch in der persönlichen Stilberatung tätig. Ihr Schwerpunkt im Bereich Make-up für Film und Fotografie liegt in der Unternehmenswerbung.
Was für ein spezielles Make-up man im Film braucht und warum Visagisten* den Akteuren mehr geben als nur ein schönes Äußeres, lesen Sie jetzt im Interview.

 

Warum sollten Menschen für Filmaufnahmen und Fotos geschminkt werden?
Wenn jemand gar nicht geschminkt wäre, würde er oder sie schnell im ganzen Gesicht glänzen. Auch wenn man das mit bloßem Auge gar nicht so sehen würde. Das hängt ganz einfach mit der Auflösung der Kamera und dem Licht am Set zusammen. Das heißt: Ich schminke generell jede Person, die vor der Kamera steht. In erster Linie benutze ich dabei Puder, damit der Glanz genommen wird und die Haut ebenmäßiger und ruhiger erscheint.

Welche „Problemzonen“ gibt es im Gesicht?
Das kommt ganz darauf an, denn jedes Gesicht ist anders. Was bei mir neben Puder oft zum Einsatz kommt, ist ein Concealer. Mit dem kann ich den Augenbereich etwas aufhellen. Dabei geht es noch nicht einmal darum, große Augenschatten oder Augenringe zu verdecken, sondern mehr Licht in die Augen fallen zu lassen. Das sieht auf Fotos und im Film einfach schöner aus. Aber zurück zur Frage und den „Problemzonen“: Bei vielen Menschen sind zum Beispiel die Wangen etwas geröteter. Ich verleihe dem Gesicht dann einen sanfteren, natürlich aussehenden Teint.

Wie unterscheidet sich herkömmliches Make-up von dem für Foto und Film?
Beim Film ist es ja erst mal so, dass man tatsächlich alles sieht. Das hat sich auch noch mal verstärkt, seit es hochauflösende Bildschirme gibt. Da muss man wirklich sehr fein arbeiten, auch beim Abpudern. Ist das Puder nicht ordentlich und gleichmäßig verteilt, sieht es auf dem Screen später fleckig aus. HD macht einfach jede Pore und jede Unebenheit sichtbar. Das ist an sich ja auch okay und normal, nur erscheinen Poren oder kleinere Makel im Film auf einmal viel größer, als sie tatsächlich sind. Dazu kommt, dass auch das Make-up selbst deutlicher zu sehen ist. Deswegen gibt es mittlerweile spezielles HD-Make-up. Diese Produkte haben eine feinere Textur. Sie sind nicht so schwer auf der Haut und lassen sich feiner und dünner auftragen. Damit kann die natürliche Struktur der Haut noch ein bisschen durchscheinen. Dann sieht das nicht ganz so zugespachtelt aus.

Bei Make-up für Fotos gibt es dann nichts weiter zu beachten?
Doch, auch bei einem Foto muss man aufpassen, welche Farben man einsetzt. Wenn zum Beispiel mit Blitz gearbeitet wird, verwende ich dafür generell keine glänzenden Farben, weil sich der Blitz darin widerspiegeln kann und man auf dem Foto dann einen Glanzpunkt sieht. Hier funktionieren matte Farben sehr gut. Klar, bei einem Foto lässt sich das ein oder andere im Nachhinein auch noch bearbeiten. Das ist beim Film natürlich nur begrenzt möglich, weil man dann ja jedes einzelne Bild anpassen müsste. Wobei es eigentlich auch beim Foto immer auf das jeweilige Projekt ankommt. Letztes Jahr zum Beispiel habe ich mit einem Fotografen gearbeitet, der die Bilder bewusst nicht retuschiert hat. Das waren sehr große Plakate. Da musste ich dann auch sehr fein und sehr natürlich schminken. Mir hat das total gut gefallen. Es war schön, mit dem Bewusstsein zu arbeiten, dass es am Ende keine Retusche mehr geben wird.

Abgesehen vom unsauberen Arbeiten, was kann man beim Film-Make-up noch falsch machen?
Wenn zum Beispiel in einem Werbefilm ein Naturprodukt beworben wird und da dann eine Frau oder ein Mann mit einem ganz starken Make-up zu sehen ist – das passt für mich nicht zusammen. Ich würde dann wahrscheinlich die ganze Zeit nur auf das Make-up schauen und gar nicht mehr auf das Produkt. Make-up kann also auch ablenken. Bei Kleidung ist es ganz ähnlich. Wenn jemand einen Anzug trägt und die Krawatte ein bisschen schief sitzt, achtet man nur darauf. Das Auge geht immer zu dem, was nicht reinpasst. Und somit wäre das Ziel verfehlt, wenn der Zuschauer die eigentliche Botschaft gar nicht mehr wahrnimmt.

Welchen Stellenwert haben deiner Meinung nach Visagisten am Set?
Ich glaube, die Arbeit von Visagisten wird manchmal unterschätzt, denn es geht bei Weitem nicht nur um das Make-up. Zu meinem Job gehört genauso, dafür zu sorgen, dass die Protagonisten sich sicher fühlen und schon mal in eine gute Stimmung kommen. Das ist für mich sogar noch wichtiger als das Schminken selbst. Ich will, dass die Menschen sich wohlfühlen. Sie sollen merken: Da ist jemand, der sich wirklich um mich kümmert und auf mich achtet. Ich kann vor allem demjenigen, der nicht regelmäßig vor der Kamera steht, ein wenig die Angst nehmen. Oder wenn jemand gestresst ist, sorge ich für Ruhe und schaue, was derjenige gerade braucht. Möchte er oder sie reden oder lieber runterfahren? Das ist so ein Gespür, das man irgendwann entwickelt.

 

* Aus Gründen der Lesbarkeit wurde die männliche Form gewählt. Selbstverständlich sind auch alle anderen Geschlechter gemeint.