Zugegeben, bei dem Stichwort „Trickkiste“ denkt man schnell an große Illusionen und an noch größere Explosionen. Eben an die Spezialeffekte, durch die ein Film unbestritten zu einem echten Erlebnis werden kann. Der heutige Stand der Technik macht hier ja mittlerweile fast alles möglich:

eine Horde wilder Tiere, die die Produktionshalle eines Futtermittelherstellers stürmt, genauso wie das Unternehmensgebäude als Spaceshuttle, mit dem Kunden und Geschäftspartner futuristisch durchs Produktsortiment-Weltall fliegen …

 

Regen beim Dreh? Lassen wir doch einfach die Sonne scheinen!

In der Theorie werden diese Techniken Special oder Visual Effects genannt, je nachdem ob sie während der Dreharbeiten oder im Nachhinein am PC entstehen. Es sind Tricks, mit denen sowohl irreale als auch reale Ereignisse filmisch nachgeahmt werden und die sich mit klassischen Aufnahmen oder konventionellen Montagen nicht realisieren lassen.

Allerdings braucht es gar nicht immer den großen Knall. Je nach Zielsetzung und Thema des Films kann ein Spezialeffekt sogar völlig fehl am Platz sein. Da ist es ganz egal, wie beeindruckend er ist und wie professionell der Effekt umgesetzt wurde. Um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erreichen und einen spannenden Film zu produzieren, muss nicht zwangsläufig das Unmögliche möglich gemacht werden. Denn es gibt viele Techniken fernab von Special und Visual Effects, mit denen sehr eindrucksvolle Bilder und wirkungsvolle Effekte geschaffen werden können.

Allein durch die Bewegung der Kamera oder durch bestimmte Kameraeinstellungen während der Aufnahme lässt sich Atmosphäre erzeugen, werden Botschaften transportiert und Emotionen verstärkt. Von der Bearbeitung des Films in der Postproduktion mal ganz abgesehen. In Sachen Filmgestaltung bietet der Schnitt nämlich einige Möglichkeiten. Doch auch bei diesen – im Vergleich zu manchem Spezialeffekt vielleicht althergebrachten – Gestaltungselementen gilt: Der Einsatz sollte intentional, thematisch und in Hinblick auf die Zielgruppe seine Berechtigung und Logik finden. Oft heißt es: Ein Filmeffekt ist dann gelungen, wenn er vom Zuschauer nicht bewusst wahrgenommen wird, sondern sich harmonisch in den Film einfügt. Es sei denn natürlich, man will gezielt Regeln brechen, Widersprüche inszenieren und Irritation hervorrufen.

Film ist Komposition

Am Ende ist es die Gesamtkomposition eines Films, die maßgeblich für seine Wirkung verantwortlich ist. Sie setzt sich aus vielen verschiedenen Gestaltungselementen zusammen. Da gibt es zum Beispiel das Licht: Ganz nüchtern betrachtet sind Scheinwerfer dazu da, ein Set auszuleuchten. Durch die gewählte Leuchtstärke, die Positionierung und das Zusammenspiel beispielsweise mit einer bestimmten Kameraperspektive werden Scheinwerfer jedoch zu einem wichtigen Element innerhalb der Filmgestaltung. Genauso verhält es sich mit den anderen Gestaltungsmitteln wie der Kamera-, Ton- oder Montagetechnik. Auch Schauspieler gehören zu dieser Gesamtkonzeption.
Perfekt aufeinander abgestimmt und in der Vorarbeit gut durchdacht, erwächst aus den einzelnen Elementen letztlich eine harmonische Komposition: der Film. Dabei steht vieles zwischen Dreh und späterem Schnitt in Abhängigkeit. Gute Filmeffekte sollten nicht dem Zufall überlassen werden, ein Film wird im Regelfall „auf Schnitt gedreht“.

Das Spiel mit der Zeit

Zeitverzerrungen sind seit jeher ein sehr beliebtes Mittel der Filmtechnik, um Aufmerksamkeit zu generieren oder sie zu halten. Hierzu gehören die Klassiker Zeitraffer und Zeitlupe. Bei einer Filmsequenz im Zeitraffer wird ein lang andauerndes Ereignis durch schnelleres Abspielen verkürzt darstellt. Der Zeitraffer bietet sich besonders an, wenn eine Szene in voller Länge ihren Reiz verlieren würde. Darüber hinaus lassen sich damit Prozesse abbilden, die aufgrund ihrer Dauer entweder gar nicht oder zumindest nur schwer wahrnehmbar sind, wie z. B. der Bau eines Bürogebäudes vom ersten Spatenstich bis zum Einzug des Unternehmens oder auch der Wechsel der Jahreszeiten.

Umgekehrt machen Zeitlupen sehr schnell ablaufende Ereignisse und Prozesse für das menschliche Auge überhaupt erst sichtbar. Eine Szene in Slow Motion ermöglicht es, Dinge zu entdecken, die man bei normaler Geschwindigkeit nicht sieht. Zeitlupen-Aufnahmen sind sehr begehrt und ein regelrechter Aufmerksamkeitsmagnet in einem Film. Häufig sorgen sie für die großen Ohs und Ahs, die jeder Filmemacher gern hört. Was allerdings die wenigsten wissen: Eine Zeitlupe entsteht nicht etwa durch das Verlangsamen der Aufnahme in der Postproduktion, sondern bereits beim Dreh. Die Aufzeichnung erfolgt nämlich mit erhöhter Anzahl Bilder pro Sekunde. Diese Aufnahmen werden dann in normaler Bildfrequenz wiedergegeben, wodurch der populäre Slow-Motion-Effekt entsteht.

Was beim Buch die Erzählerfigur ist, ist beim Film …

… natürlich die Kamera als eines der wichtigsten gestalterischen Elemente. Oft übernimmt sie die Funktion des Erzählers, indem sie den Blick des Zuschauers lenkt. Dabei spielen Art und Weise der Kamerabewegung, die Einstellungsgröße, also wie klein bzw. groß etwas aufgenommen wird, und die verschiedenen Perspektiven und Blickwinkel eine Rolle.

Die Effekte, die beispielsweise mit der Bewegung der Kamera erzielt werden können, sind sehr vielseitig und hängen immer von der Form (Schwenk, Zoom oder Fahrt) und der Schnelligkeit der Bewegung ab. Langsames Führen der Kamera erhöht z. B. den Informationsgrad für den Betrachter. Es erlaubt, genauer hinzusehen. Veränderungen werden wahrgenommen, Gefühle und Stimmungen vertieft. Schnelle Bewegungen hingegen sorgen für Dynamik. Sie lösen überraschen aus und signalisieren meist: „Achtung, jetzt passiert etwas!“

Ein besonderer, wenn auch selten eingesetzter Effekt in diesem Zusammenhang ist der sogenannte Vertigo-Effekt: das Zusammenspiel aus Kamerafahrt und Zoom. Dabei sitzt der Kameramann auf einem Kamerawagen und fährt während der Aufnahme zurück. Gleichzeitig zoomt er mit gleichem Tempo an das gefilmte Objekt heran. Dadurch zieht sich der Raum hinter dem Objekt bizarr in die Länge, wodurch der Zuschauer für einen Moment die optische Orientierung verliert. Bekannte Beispiele für den Vertigo-Effekt sind Szenen aus Steven Spielbergs Der weiße Hai oder Poltergeist und – wie soll es anders sein – aus Vertigo von Hitchcock.

Der entscheidende Schnitt

Der Schnitt eines Films wird von Laien oft unterschätzt. Ist die letzte Klappe gefallen, hält man einen Film gemeinhin für fertig. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Die meisten Filme sind in einzelne Einstellungen und Szenen unterteilt und werden auch auf diese Weise abgedreht. Erst im Schnitt erfolgt das Zusammenfügen der Einzelaufnahmen zu einem durchgängigen Film. Hier wird die Gesamtkomposition hinsichtlich Aufbau, Tempo, Rhythmik usw. vollendet. Dabei stehen dem Cutter eine Reihe von unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Zwei heute gängige Schnitttechniken sind z. B. der Match und der Jump Cut. Mit dem Match Cut lassen sich sowohl Setwechsel als auch Zeitsprünge sehr effektvoll realisieren. Diese Art von Montage basiert auf der Inszenierung gleicher oder zumindest ähnlich aussehender Bildelemente, wie die Anfangsszene des Films Hugo Cabret von Martin Scorsese anschaulich zeigt.

Der Jump Cut wiederum ignoriert die Regeln des Anschlusses und erzeugt – wie der Name schon sagt – einen Bildsprung. Das erhöht die Aufmerksamkeit. Mithilfe dieser sprunghaften zeitlichen Auslassungen werden vielfach auch monotone, routinierte Abläufe auf ansprechende, kurzweilige Weise zusammengefasst wie in dieser Szene der gleichnamigen Verfilmung des Musicals Der kleine Horrorladen.

Ohne Filmgestaltung kein Filmerleben

Film lebt von Bewegung und Veränderung im Bild. Das Spektrum der Gestaltungsmöglichkeiten ist riesig: Wo wird wer oder was wie gefilmt? Und wie wird das Ganze am Ende zusammengefügt? Die jeweilige Komposition aus den verschiedenen technischen Gestaltungsmitteln ist die Grundlage, dass ein Film das macht, was er kann: Geschichten erzählen, informieren, berühren, beeindrucken, schockieren, hoffen lassen, zum Nachdenken anregen, amüsieren – kurz gesagt Emotionen auslösen. Wird kein Gefühl angesprochen, verliert sich der Film in Bedeutungslosigkeit. Langeweile und Desinteresse sind absolute Filmkiller, unabhängig davon, wie originell und professionell-perfekt die technische Umsetzung ist.

Oberstes Ziel bei der Gestaltung eines Films ist also immer, Herz und Verstand der Zuschauer zu erreichen und sie möglichst dauerhaft intensiv zu fesseln. Denn egal, wie tief in die Trickkiste gegriffen wird, der Weg zu einem erfolgreichen Film führt letztlich immer über das Publikum.