Filmmusik wird – wie viele andere Bereiche der Postproduktion übrigens auch – häufig unterschätzt. Dabei ist sie wesentlicher Bestandteil eines Films. Sie macht ihn lebendig, nimmt Einfluss auf die Wahrnehmung und die Empfindungen der Zuschauer.

Sie kann beruhigen, ein wohliges Gefühl erzeugen: Wärme, Zufriedenheit, Geborgenheit. Sie kann erheitern und für gute Stimmung sorgen, gleichwohl Traurigkeit, Nervosität oder sogar Aggressivität auslösen. Wie sie das schafft? Der Rhythmus beeinflusst unsere Atmung und unseren Herzschlag, Lautstärke und Frequenzen nehmen wiederum Einfluss auf unser Nervensystem und regen dadurch unsere Emotionen an.

 

Mit Musik merkt sich’s besser

Vertraut man einer viel zitierten Studie der „American Audiovisual Society“ aus den Achtzigerjahren, lässt sich sogar behaupten, dass die musikalische Untermalung eines Films positiven Einfluss auf das Erinnerungsvermögen nimmt. Untersucht wurde die Erinnerungsleistung in Abhängigkeit von der Form der Informationsaufnahme. Das Ergebnis: Findet die Informationsverarbeitung einkanalig und ausschließlich visuell statt, werden vom Gesehenen 30 % aufgenommen. Beim reinen Hören liegt die Merkfähigkeit sogar nur bei 20 %. Werden aber Bild und Ton miteinander kombiniert, bleiben 50 % der Informationen hängen. Das liegt daran, dass bei der Informationsaufnahme über zwei Kanäle eine gesteigerte Verknüpfungsleistung erreicht wird – gerade im Hinblick auf Imagefilme und Produktvideos ein interessantes Resultat.

 

Filmmusik: Theorie und Praxis

In der Theorie wird Filmmusik der sogenannten funktionalen Musik zugeordnet. Das bedeutet, sie wird nicht ihrer selbst willen komponiert und gehört, sondern ist mit dem Medium Film fest verknüpft und erfüllt dort eine bestimmte Funktion. Ob es sich um die Musik für einen Hollywood- Blockbuster handelt, für eine mehrteilige TV-Produktion, für einen Unternehmensfilm oder einen 30-sekündigen Werbespot, Filmmusik ist Teamarbeit, und zwar mit dem Regisseur, dem Komponisten und dem Cutter in den Hauptrollen.

Selbstverständlich werden im Film und in der Werbung auch viele Musikstücke oder zumindest Teile davon eingesetzt, die schon produziert sind. Soll ein bereits existierender Song in einem Film verwendet werden, kommt man allerdings nicht daran vorbei, die erforderlichen Nutzungsrechte des Urhebers und – das wissen die wenigsten – des Leistungsschutzberechtigten einzuholen. Denn Musik unterliegt dem Urheber- und Leistungsschutzrecht. Urheber sind in der Regel der Komponist und der Texter, Leistungsschutzberechtigte der Interpret und der Produzent (das Label). In vielen Fällen übernimmt die GEMA, die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, die Verwaltung der Nutzungsrechte von Urhebern und Rechteverwertern (Musikverlage und Plattenfirmen). Sie ist eine sogenannte Verwertungsgesellschaft, die sich im Namen ihrer Mitglieder bei der Verwendung ihrer Musik um die entsprechende Vergütungspflicht kümmert.

Da es sich bei Musik also – genau wie bei Filmen oder Fotos auch – um geistiges Eigentum handelt, kann man nicht einfach darauf zugreifen, sie für seine Zwecke verwenden und das Ergebnis seiner Arbeit dann am Ende veröffentlichen. Musik ist mit verschiedenen Rechten und Lizenzen verbunden. So gibt es neben dem Urheber- und Leistungsschutzrecht zum Beispiel noch eine weitere mögliche Hürde, und zwar wenn das ausgewählte Lied mit dem Hinweis „ND“ gekennzeichnet ist. Dieses Kürzel steht für „No Derivates“ und bedeutet, dass die Musik nicht zur Vertonung von Videos verwendet werden darf.

Zu diesem sehr komplexen Thema „Rechte und Lizenzen bei der Verwendung von Musik für Film und Video“ hat iRights.info ein übersichtliches Schaubild erstellt.

 

Filmmusik: Wie sie zum Einsatz kommen kann

So trocken der Begriff „funktionale Musik“ im ersten Moment klingt, so vielfältig sind doch die Gestaltungsmöglichkeiten auf dem Gebiet der Filmmusik. Denn schließlich sind es nicht nur die Bilder, die bewegen, sondern es ist das Zusammenspiel aus Bild, Ton und Musik. Hierzu drei Beispiele, angelehnt an das Erklärungsmodell zur Funktion von Filmmusik des Musikwissenschaftlers Hansjörg Pauli:

  1. Mithilfe von Musik lässt sich zum Beispiel die Aussage eines Bildes unterstreichen. Das heißt, die Stimmung der gezeigten Szene spiegelt sich auch in der Musik wieder, wie es beispielsweise bei einer romantisch klingenden Melodie zu einer Liebesszene der Fall ist. Meist versteht der Zuschauer auch ohne die musikalische Untermalung, was die Bilder aussagen, mit Musik jedoch erhöht sich der Erlebniswert solcher Filmszenen um ein Vielfaches.
  2. Eine andere mögliche Funktion ist, einem Bild oder einer Szene durch Musik überhaupt erst eine Bedeutung zu geben. Nehmen wir eine Person mit einem nicht eindeutig interpretierbaren Gesichtsausdruck: Erklingt im Hintergrund ein melancholisches Klavierstück, wirkt sie vermutlich nachdenklich, vielleicht traurig. Heroische Klänge eines ganzen Orchesters dagegen lassen die gleiche Szene ganz anders erscheinen: Das Gefühl von Aufbruchstimmung kommt auf, alles ist möglich, der Wille nach Veränderung spürbar.
  3. Musik kann aber auch genau gegenteilig zum Bild eingesetzt werden und dadurch zum Beispiel verraten, wie es im Film weitergeht: Ein kleines Mädchen hopst den Bürgersteig entlang und summt eine fröhliche Melodie. Im Hintergrund setzt leise Musik ein. Immer lauter werdend greift sie erst das fröhliche Kindersummen auf und verwandelt es nach und nach in düstere und bedrohliche Klänge, die dem gezeigten Bild nicht mehr im Geringsten entsprechen. Was passiert beim Zuschauer? Er geht auf Habachtstellung und stellt sich darauf ein, dass jeden Moment etwas Schlimmes passiert.

 

Filmmusik wirkt

Beim Film liegt die Konzentration in erster Linie auf dem Bild und dem gesprochenen Wort, die Musik wird meist nur unbewusst wahrgenommen. Sie begleitet den Film im Hintergrund, aber – und das ist das Reizvolle und Spannende daran – entfaltet genau auf diese Weise auch ihre Wirkung: unsichtbar und vom Zuschauer oft unbemerkt. Und dennoch spielt Musik im Film keine unbedeutende Nebenrolle. Sie ist in ihren Einsatzmöglichkeiten und Funktionen viel vielschichtiger, als es den meisten Zuschauern bewusst ist.

Eine gute Zusammenfassung über die Wirkung von Musik liefert ein Beitrag der Sendung „scobel“ von 3sat.